Lieber Robert, Du wirst während der zentralen Bundesligarunde Ende April/Anfang Mai die Kommentierung vor Ort übernehmen, die zugleich auch live im Internet übertragen wird. Wie entwickelt man als Schachgroßmeister eine Neigung zur Kommentatorentätigkeit? Ist das eher Hobby oder eher Teil einer Tätigkeit als professioneller Schachspieler? Gibt es hierfür eine besondere Vorbereitung?

Für einige Spieler ist das Kommentieren eine lukrative Nebentätigkeit geworden. Ich sehe das eher als gut bezahltes Hobby, welches mir einiges Vergnügen bereitet. Zu zweit ist die Sache noch lustiger, vor allen Dingen, wenn man mit Gustafsson oder van Wely zusammen sitzt. Die Neigung kommt von ganz allein, wenn man Sinn für Entertainment hat. Als Vorbereitung kann man die aktuellen Turnierergebnisse und Partien der Protagonisten nehmen. Das kann einige Züge erklären, wie z.B. Formschwäche.

Ein schachliches Großereignis kommt heutzutage nicht mehr ohne eine Live-Übertragung aus. Für einen geneigten Amateur ist das großartig, bekommt er doch häppchenweise und gut aufbereitet Weltklasseschach frei ins Haus geliefert: Weltmeisterschaften, Saint Louis, Weltcup, London usw.; gerade sind Wijk aan Zee und die Kandidatenkämpfe beendet worden. Wie bewertest Du den Einfluss der Livekommentierungen auf Wirkung und Akzeptanz des Schachs national und international und hängst Du selbst bei solchen Wettkämpfen als Konsument vor dem Rechner?

In meinem Bekanntenkreis ist die Livekommentierung äußerst beliebt!!!! Selbst bei Spielern, die nicht im Verein spielen. Man muss sich nur an alte Zeiten zurück erinnern, da gab es praktisch nichts. Schachzeitungen haben uns informiert. Die kam allerdings nur einmal im Monat heraus...
Die Wirkung ist national und international immens, nicht umsonst sind alle großen Server live dabei. Die Sendungen werden immer professioneller und unterhaltsamer. Mir selber fehlt oft die Zeit, die Sachen live zu verfolgen. Dennoch schaue ich mir die Sendungen nachträglich an und versuche selber etwas zu lernen.

Apropos Berlin: Mit den Kandidatenwettkämpfen und der zentralen Endrunde finden zwei Großereignisse vor der Tür statt und die Schnellschach- und Blitz-WM ist auch noch nicht so lange her. Wie schätzt Du die Entwicklung des Schachs in der Bundeshauptstadt ein? Gibt es eine nachhaltige Wirkung auch auf den Breitensport, den Du ja als Jugend- und Schulschachtrainer durchaus auch gut im Blick hast?

Das ist so pauschal nicht zu beantworten. Die genannten Ereignisse sind natürlich überragend. Wie lange habe ich selbst, auf solche Events in Berlin gewartet. Es war ein schönes Gefühl, Schüler meines Käthe-Kollwitz-Gymnasiums als Zuschauer bei der Bundesligaendrunde zu sehen. Die Zuschauerzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Warum wohl findet das Kandidatenturnier in Berlin statt? Für Spieler egal welcher Couleur, können solche Veranstaltungen eine sehr motivierende Wirkung erzielen. Der Breitensport jedoch entwickelt sich unabhängig davon. Speziell das Schulschach hat eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen, nicht umsonst wurde Schach als Unterrichtsfach beim Käthe-Kollwitz-Gymnasium eingeführt und immer mehr ausgebaut. Eltern entdecken mehr und mehr die Werte des königlichen Spiels für ihre Kinder. Aus meiner Sicht völlig zu Recht! Wir reden von Konzentration, Logik, strategischem Denken, Entscheidungsfindigkeit usw. Schach ist dafür das perfekte Workout. Diese Turniere können dabei natürlich helfen, aber von Nachhaltigkeit zu sprechen wäre noch zu verfrüht. Zudem gibt es große Unterschiede zwischen den beiden Veranstaltungen. Die SF Berlin präsentieren ein Riesenevent. Zahlreiche Veranstaltungen begleiten die Bundesligaendrunde. Je mehr Spieler bzw. Zuschauer desto besser. Die SF Berlin suchen dabei auch den Kontakt mit dem Berliner Schachverband und werden meines Wissens bestmöglich unterstützt.

Du warst Mitte der 1980er Jahre der jüngste Bundesligaspieler im deutschen Schachoberhaus mit - wenn ich mich richtig erinnere - 14 Jahren. Das war damals eine Sensation: Ein Teenager zwischen lauter (nicht selten am Schachbrett rauchenden) Senioren; manchmal promovierte Ärzte und Philologen. O tempora o mores! Heutzutage ist die Bundesliga ein hochprofessionalisierter Organismus, der regelmäßig die Weltspitze des Spitzenschachs zusammenführt. Sind die Voraussetzungen für den talentierten Nachwuchs heutzutage besser oder schlechter? Welche Fördermöglichkeiten würdest Du Dir als Jugend- und Schulschachtrainer in Deutschland wünschen?

Tatsächlich wurde ich mit 15 Jahren damals jüngster Bundesligaspieler. Das war wirklich einzigartig. Die Zeiten haben sich natürlich komplett verändert. Großmeister werden immer jünger, das Wissen hat massiv zugenommen. Mein Verein König Tegel unter Federführung von Manfred Rausch und meinen einzigen Trainer Rainer Tomczak, haben mich bestmöglich unterstützt. Damals gab es kein ChessBase und Internet. Die Turniere waren nicht so zahlreich organisiert. Die Gegenwart bietet für den ambitionierten Spieler alles nur Erdenkliche. Jeder kann über Onlineunterricht mit einem Großmeister trainieren. Turniere finden wöchentlich auf der ganzen Welt statt.
Mit etwas Talent und sehr viel Fleiß ist z.B. ein IM Titel absolut möglich. Um in die Weltspitze vorzustoßen, bedarf es allerdings sehr viel Talent und richtig harter Arbeit. Ich würde mir wünschen, Schach flächendeckend in Deutschland als Schulfach einzuführen. Andere Länder tun dies bereits. Bei der Masse an Spielern, wäre der nächste Deutsche Weltmeister nicht mehr Utopie.

Eine abschließende persönliche Frage: Du hast im Blitzschach für Dich und Deinen Verein König Tegel viel erreicht. Werden wir Dich am Samstag, den 28. April 2018 beim Internationalen Blitzturnier im Rahmen der Zentralen Endrunde am Brett sehen?

Ich werde mitspielen! Alle meine Schüler werden an diesen Topevent teilnehmen. In Tegel werden im März und April 2 Turniere mit dieser Bedenkzeit ausgetragen, also bestmöglichste Trainingsbedingungen!

Das Interview führte Dr. Lars Hein.